Als ich das Restaurant betrete, sehe ich Alessio schon an einem Tisch auf der Terrasse sitzen. Er hat sich tatsächlich schick gemacht, wie es aussieht. Auf jeden Fall trägt er ein Hemd, dessen Ärmel er bis zu den Ellbogen hochgerollt hat, sodass seine muskulösen, leicht behaarten Unterarme perfekt zur Geltung kommen.
Ich liebe muskulöse Unterarme. Und seine Hände sind auch nicht schlecht, stelle ich fest. Lange, schlanke Finger … wie sie sich wohl an meinem Körper anfühlen würden?
Als er mich auf sich zukommen sieht, springt er auf.
„Hallo, schön dich zu sehen“, sagt er und umarmt mich vorsichtig, wobei seine Hände auf anständiger Höhe bleiben. Dann macht er etwas noch viel überraschenderes: Er zieht mir den Stuhl unter dem Tisch vor und bedeutet mir zu sitzen.
„Danke!“, stammele ich überrascht und nutze die Gelegenheit, seinen trainierten Hintern in der dunklen Stoffhose betrachten, als er sich umwendet, um zu seinem Platz zu gehen. Noch ein Körperteil, von dem ich gerne wüsste, wie es sich anfühlt.
„Was möchtest du trinken?“, fragt Alessio. „Sie haben hier hervorragende Fischgerichte und ich denke, ein Weißwein würde perfekt passen. Ich selbst trinke leider keinen Alkohol, aber ich könnte den Sommelier für dich kommen lassen.“
Ich stelle mir kurz vor, wie er den Sommelier für mich kommen lässt, doch dann ermahne ich mich selbst, mich zusammenzureißen. Da sitze ich hier mit einem sexy Mann mit perfekten Umgangsformen und kann an nichts anderes denken als an Sex. Ich sollte wenigstens versuchen, kultiviert zu wirken und nicht wie das Pornosternchen, das ich bin.
„Ja, das wäre … ganz zauberhaft“, stammele ich.
Alessio hebt amüsiert eine Braue und winkt dann den Kellner heran, der sich sofort daranmacht, den Sommelier aufzutreiben.
Ich habe noch nie in meinem Leben Wein ausprobiert und entschieden, welcher am besten zum Hauptgericht meiner Wahl passt. Normalerweise habe ich die billigste Flasche gekauft – oder das billigste Tetrapack – und einfach drauf los getrunken, ohne wirklich etwas zu schmecken. Dieses Winetasting überfordert mich völlig, eröffnet mir aber einige neue Erkenntnisse. Wein muss nicht sauer schmecken! Wein kann tatsächlich wie eine Geschmacksexplosion sein, wenn man ihn mit Genuss trinkt. Wer weiß, vielleicht habe ich nach diesem Wein auch keinen Mega-Kater?
„Woah!“, stelle ich begeistert fest. „Das ist voll der geile Scheiß!“
Der nachsichtig lächelnde Sommelier fragt: „Soll es dieser Wein sein, mein Herr?“ und ich nicke nachdrücklich.
„Wenn Wein so gut schmecken kann, warum trinkst du dann keinen?“, frage ich Alessio.
„Ich behandle meinen Körper wie einen Tempel. Ich möchte keine Schadstoffe zufügen. Kein Alkohol, keine Zigaretten, keine Drogen, kein Zucker, kein Gluten. Wenn ich nicht gerade Urlaub im Hotel mache, koche ich immer aus frischen Zutaten selbst.“
Ich bin gefangengenommen von der Ernsthaftigkeit seinen braunen Augen, ansonsten würde ich bei diesem Statement eventuell mehr aufschrecken. So stecke ich nur seufzend das Päckchen Zigaretten, das ich gerade herausholen wollte, zurück in meine Tasche. Wozu sonst sollten Terrassenplätze gut sein, als dafür, in Ruhe zu rauchen?
Dann lausche ich fasziniert, wie er dem Kellner genaue Anweisungen gibt, was in sein Essen darf und was nicht. Die Kartoffelspalten werden durch einen frischen Salat ersetzt und der Koch darf beim Würzen definitiv keinen Zucker verwenden. Das Dressing soll extra serviert werden, weil der Kellner nicht exakt alle Bestandteile aufzählen kann.
„Moment“, unterbreche ich seine Tirade. „Wie weit bist du gekommen bei deinem Vorhaben, mal was Verrücktes zu machen?“
Der Blick in seinen Augen sagt alles.
„Er nimmt das Essen genau so, wie es auf der Karte steht“, sage ich zum Kellner, während ich mich zurücklehne und mir eine Zigarette anzünde.
Ein giftiger Blick trifft mich.
„Aber was … das geht alles direkt in meinen Körper.“
„Es sind Kartoffeln und eine eventuelle winzige Menge Zucker. Sag mir eins. Gehst du morgen früh joggen? Schwimmen?“
„Normalerweise gehe ich erst eine Runde joggen, dann kühle ich mich im Meer ab und zum Schluss mache ich eine Yogaroutine. Wieso?“
„Ich denke, unter diesen Voraussetzungen richten zwei Gramm Zucker keinen Schaden an.“
„Ich … aber …“
„Du bist doch kein Diabetiker, oder?“, frage ich.
„Nein, ich möchte nur …“
„Mal über die Stränge schlagen. Was Verrücktes machen. Ich könnte dir unterm Tisch einen runterholen, oder aber du isst die Kartoffeln. Wofür entscheidest du dich?“
Alessio ist hochrot angelaufen. Nervös sieht er sich nach allen Seiten um.
„Keine Sorge, außer mir hat das niemand gehört“, grinst der Kellner. „Also, wie hätten Sie Ihr Essen nun gerne? Mit Kartoffeln oder mit Orgasmus?“
Alessio holt tief Luft. „Mit Kartoffeln.“
Der Kellner grinst mir anerkennend zu und ich salutiere ihm.
Alessio seufzt ergeben.
„Könntest du bitte deine Zigarette ausmachen?“, fragt er sanft.
„Na klar“, sage ich und drücke sie im Aschenbecher aus. Ich will den armen Mann ja auch nicht überfordern.
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