Ich renne hinter Alessio her, der joggt, als wäre der Teufel hinter ihm her. Und irgendwie ist er das ja auch. Denn der Blick, den er mir gerade zugeworfen hat, bevor er das Weite gesucht hat, war definitiv eines Blickes würdig, den man dem Teufel zuwerfen könnte.
Und wenn ich ganz ehrlich bin, hat er irgendwie recht damit. Ich konnte ihm ansehen, wie sehr ich ihn verletzt habe. Ich weiß, dass ich das hätte verhindern können. Ich hätte ihm von Anfang an sagen können, dass wir hier keinen Hollywoodfilm drehen, sondern Pornos. Aber ganz ehrlich, hätte er da nicht selbst drauf kommen können? Er hat sich doch schon die ganze Zeit über die vielen schwulen Männer im Hotel gewundert, die ständig miteinander rummachen. Wie weltfremd ist er eigentlich?
Aber Verletztheit ist nicht das Einzige, was ich in seinen Augen gesehen habe. Ich bin mir ziemlich sicher, Verachtung gesehen zu haben. Und was bildet er sich eigentlich ein, mich für meinen Job, den ich liebe, zu verachten? Ist dem Herrn Physiotherapeuten ein Pornosternchen nicht gut genug? Die Wut über seine Verachtung bringt mein Blut zum Wallen und ist der eigentliche Grund, dass ich ihm hinterherrenne.
Der Weg macht eine Biegung und der Wald gibt den Blick frei auf einen weißen Sandstrand, an dem sich einige Urlauber sonnen. Vor mir rennt Alessio und ich hole auf, da der Sand ihn langsamer werden lässt. Mit einem Hechtsprung werfe ich mich nach vorne und erwische seinen Unterarm, an dem ich mich festklammere.
„Hey!“, schreit er und versucht, mich abzuschütteln. Aber da kennt er mich schlecht, wenn ich mich irgendwo festklammere, ist es, als hätte ich Saugnäpfe. Mich wird man nicht so schnell los. Stattdessen ziehe ich ihm mit einer schnellen Bewegung die Kopfhörer aus den Ohren.
„Was soll das?“, zischt er, während er sich umdreht. Als sein Blick auf mich fällt, weiten sich seine Augen vor Schreck. „Hättest du dir nicht wenigstens etwas anziehen können?“
„Wie hätte ich dich dann jemals einholen sollen?“, frage ich zurück. Was stellt er sich denn vor? Dass ich mit meiner Unterwäsche kämpfe, während ich hinter ihm herrenne? Ich mag meinen Körper und werde mich ganz bestimmt nicht schämen, nur weil er es für unangemessen hält, dass ich nackt durch die Gegend laufe.
„Gar nicht! Das wäre eindeutig besser gewesen!“
„Ach ja? Was ist dein Problem, Alessio? Dass ich dir nicht gesagt habe, dass ich Pornos drehe? Ich bin dir keinerlei Rechenschaft schuldig, wir sind schließlich nicht zusammen!“
„Wir hatten Sex, verdammt! Woher soll ich wissen, dass ich mir bei dir nichts geholt habe?“
„Wir werden regelmäßig auf alles getestet! Ich nehme Prep! Denkst du, ich würde bei irgendeinem dreckigen Label arbeiten, das nicht auf seine Darsteller achtet?!“
„Woher soll ich das wissen verdammt nochmal! Ich kenne dich scheinbar gar nicht. Woher soll ich wissen, dass nicht alles, was du mir erzählt hast, gelogen war?“
Seine Augen glühen vor Wut und seine Stimme zittert.
„Es war alles wahr“, sage ich ruhig. „Ich habe nur das mit den Pornos nicht erzählt, weil ich nicht wollte, dass du mich so ansiehst, wie du mich vorhin angesehen hast. Ich wusste, dass du mich nicht verstehen würdest, als ich gemerkt habe, wie verklemmt du bist.“
„Verklemmt?!“, echauffiert er sich. „Ich habe Prinzipien!“
„Ja, Prinzipien, die dir und anderen jeden Spaß versagen. Krieg endlich den Stock aus dem Arsch und leb ein bisschen, Alessio! Was du momentan machst, ist nicht leben!“
Er tritt so nah an mich heran, dass ich seine Körperwärme spüren kann. Sein Atem streicht über meine Lippen, als er sich zu mir herunterbeugt. „Wage es ja nicht, über mich zu urteilen!“, flüstert er.
„Wage du es nicht, über mich zu urteilen!“, wispere ich zurück.
Wir stehen so nah beieinander, unsere Blicke ineinander verschmolzen. Ich spüre ein elektrisches Kribbeln durch meinen ganzen Körper wandern, fühle mich noch lebendiger als sonst. Ich sehe, wie Alessio blinzelt, sich die Lippen leckt. Dann tritt er noch einen Schritt näher, sodass wir Bauch an Bauch stehen. Ich schlucke, als ich spüre, wie sich seine harte Länge gegen meine Hüfte presst. Kann es sein, dass Alessio dieser Schlagabtausch ebenso angemacht hat, wie mich?
Im nächsten Augenblick treffen unsere Lippen hart aufeinander. Zähne stoßen gegen Zähne, als wir übereinander herfallen, als wäre der Streit das beste Vorspiel der Welt gewesen. Alessios Hände greifen in meine Haare, wühlen, ziehen, und ich folge ihm mit überschäumender Leidenschaft.
Dann plötzlich, als ich denke, dass ich gleich von dem aufregendsten Kuss, den ich je bekommen habe, allein komme, löst er sich keuchend von mir und stößt mich weg.
„Was machst du bloß mit mir?“, stößt er hervor, bevor er sich umdreht und so schnell es geht Richtung Hotel läuft.
Ich stehe wie angewurzelt, eine Hand auf meinen geschundenen Lippen. Scheiße. Was macht er nur mit mir? Ich war schon immer ein Mensch, der sein Leben leidenschaftlich gelebt und seinen Gelüsten nachgegeben hat. Aber das hier, das ist mehr, als ich jemals zu fühlen erwartet hatte.
Verwirrt drehe ich mich um und wandere zurück zum Drehort, um meine Kleidung einzusammeln. Ein paar Leute starren mich an, als ich an ihnen vorbeigehe. Noch nie einen nackten Mann mit einer Erektion gesehen? Ich habe keine Kapazitäten, mich um ihre Belange zu kümmern. Ich versuche verzweifelt, das Gefühlschaos zu ordnen, das in mir schwirrt.
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