Cheap Trick Kapitel 1: Robin

Mit zitternden Fingern stecke ich den Schlüssel ins Schloss meiner neuen Wohnung, während ich auf der Hüfte das Paket balanciere, das ich eben von der Post abgeholt habe. Zu meinen Eltern hätte ich es niemals schicken lassen können und mein Herz klopft wild in meiner Brust, als ich an den Inhalt des Pakets denke.

Sobald ich die Wohnungstür hinter mir geschlossen habe, schleudere ich meine Schuhe von den Füßen und laufe barfuß durch die Wohnung. Ein kurzer Check ergibt, dass mein unbekannter Mitbewohner immer noch nicht eingetroffen ist. Eigentlich hatte er mir geschrieben, dass er vorgestern ankommen würde. Aber seitdem herrscht Funkstille und ich frage mich, ab wann ich bei der Polizei eine Vermisstenanzeige aufgeben muss. Aber das wäre schon ein bisschen merkwürdig.

„Wen vermissen Sie denn?“

„Meinen Mitbewohner.“

„Wie heißt er?“

„Jonas. Weiter weiß ich nicht.“

„Wie sieht er aus?“

„Keine Ahnung, ich habe ihn noch nie gesehen.“

Ich schätze, das würde die Suche nicht gerade vereinfachen und was weiß ich, ob ich ihn überhaupt finden will? Im Moment gefällt es mir sehr gut allein in meiner neuen Wohnung.

Ich lasse das Paket in meinem Zimmer auf den Boden fallen. Die letzten zwei Tage habe ich damit verbracht, mich hier gemütlich einzurichten. An den Fenstern hängen selbstgenähte Gardinen, meine Kunst hängt an den Wänden und steht im Regal und ein Trip ins Gartencenter hat dafür gesorgt, dass überall Pflanzen stehen. Es ist ein neuer Anfang, den ich hier bekomme, und ich möchte ihn gebührend feiern.

Dazu gehört auch, was ich als nächstes vorhabe. Es ist der größte Schritt von allen.

In Windeseile ziehe ich mich aus. Meine ungeliebten Boxerbriefs inspiziere ich noch ein letztes Mal, bevor ich sie mit Nachdruck in den Mülleimer unter dem Schreibtisch fallen lasse. Dann mache ich mich daran, das Paket aufzureißen.

Einzeln in Folie verpackt liegt darin eine bunte Mischung Thongs, Jockstraps und anderer Unterwäsche. Manche sind süß und verspielt, andere sexy und frech. Aber das meiste ist aus zarter Spitze und jedes einzelne dieser Höschen würde meiner Mutter einen Herzinfarkt bescheren.

Ich reiße das erste Tütchen auf und ein rosa Spitzenmantie gleitet heraus. Andächtig lasse ich es durch meine Fingerspitzen gleiten und spüre zum ersten Mal, was ich mir seit Jahren gewünscht habe.

Da es in dem kleinen Dorf, in dem ich aufgewachsen bin, nur einen einzigen Laden gab, einen Hofladen, in dem frische Eier, Wurst aus eigener Schlachtung, Gemüse und von der Mutter des Landwirts selbstgestrickte Socken verkauft wurden, fand sich in unserem Briefkasten zumeist ein bunter Mix an Warenhauskatalogen, die ich immer mit großem Interesse studierte. Wenn meine Mutter die jahreszeitliche Bestellung fertig machte, bat und bettelte ich immer um Dinge, die die Mädchen auf den Seiten bezaubernd zur Schau stellten. Aber ich bekam nie Strümpfe mit Rüschenbesatz oder Blümchenkleider. Meine Mutter schnaubte missbilligend durch die Nase und schrieb die Sachen auf, die ihr angemessen für mich erschienen. Ich begann, den Tag zu verabscheuen, an dem die Pakete mit den neuen Jeanshosen und Bob-der Baumeister-T-Shirts ankamen. Schlimmer wurde es nur noch, als ich in die Pubertät kam und völlig zerrissen war, wenn ich mir die Seiten mit der Unterwäsche ansah. Ich wusste nicht, welche Seite ich länger und intensiver anstarren sollte, die mit der Männerunterwäsche, unter der sich Hoden und Penisse abzeichneten, die mir das Wasser im Mund und das Blut im Schwanz zusammenlaufen ließen. Oder die mit der Damenunterwäsche, die ich mit dem Finger streichelte, während ich mich fragte, wie sich die zarte Spitze wohl anfühlen würde, wenn sie nicht auf Hochglanzpapier gedruckt wäre, sondern sich an meine Haut schmiegen würde. Nach Jahren der intensiven Imagination und des sehnsuchtsvollen Wartens, werde ich es jetzt endlich erfahren.

Andächtig lasse ich meine Füße durch die dafür vorgesehenen Löcher gleiten. Eine Gänsehaut zieht sich meine Beine entlang, ausgelöst durch die Berührung des Stoffs an meiner Haut. Sanft ziehe ich den Spitzenstoff über meine Pobacken und lege ihn dann sacht auf meinem Penis ab.

Ich hole tief Luft, streiche andächtig über den Stoff, der sich an meinen Körper schmiegt und drehe mich zum Spiegel.

Was ich dort sehe, verschlägt mir den Atem. Ohne, dass ich etwas dagegen tun kann, füllen sich meine Augen mit Tränen und ich versuche gar nicht, sie aufzuhalten, sondern lasse sie ungehemmt über meine Wangen rollen, während ich durch den Schleier vor meinen Augen meine schmale Gestalt betrachte und den sündhaft schönen Stoff zwischen meinen Beinen.

Ich lasse mich aufs Bett sinken und vergrabe das Gesicht in den Händen, während ich meinen Tränen freien Lauf lasse. Ich war schon immer sehr emotional und kann innerhalb von Sekunden von der einen tief empfundenen Emotion zu einer anderen, völlig konträren aber ebenso tief gefühlten Emotion schwanken. Aber die Tiefe der vielen Emotionen, die ich jetzt gleichzeitig spüre, wirft sogar mich aus der Bahn. Glück und Erleichterung ringen mit der Trauer um den kleinen Jungen, dem diese Zufriedenheit versagt wurde und ich fühle mich endlich angekommen und vereint mit mir selbst.

Als mir klar wird, dass dies ab jetzt mein Leben ist, dass ich haben kann, was ich immer wollte, schniefe ich noch einmal und wische mir mit dem Handballen die Tränen aus den Augen. Dann stelle ich mich wieder vor den Spiegel und lasse meine Hände ehrfurchtsvoll über die Spitze gleiten. „Du bist wunderschön“, flüstere ich und weiß selbst nicht, ob ich mich oder die Unterwäsche meine.

Und dann probiere ich die nächste und die nächste. Ich gerate in einen richtiggehenden Rauschzustand, in dem es nur noch mich und das Gefühl feiner Stoffe auf meiner Haut gibt und ich vom Rest der Welt nichts mitbekomme. Gar nichts. Auch nicht das Geräusch eines Schlüssels in der Tür.

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