Eigentlich hatte ich vor, schon vor ein paar Tagen aus den Semesterferien zurück in meine kleine Wohnung in der Nähe der Uni zu kommen und das auch meinem neuen Mitbewohner so angekündigt. Allerdings hatte ich meine Pläne ohne meine große Schwester gemacht, die ursprünglich verkündet hatte, ihren dreißigsten Geburtstag in einem Wellnesshotel verbringen zu wollen. Stattdessen stand sie plötzlich bei meinen Eltern vor der Tür und hatte sich alles anders überlegt. Ihre neue Idee war, mit ihrem schwulen Bruder und ein paar Freunden den Abend in einem Stripclub zu verbringen. Mitgerissen vom Tatendrang meiner großen Schwester vergaß ich, den neuen Mitbewohner zu informieren und schmiss mich in die Vorbereitungen für einen unvergesslichen Geburtstag. Die Party war definitiv gelungen und feucht-fröhlich, sodass ich gestern erst einmal meinen Kater kurieren musste und nicht an die Reise denken mochte. So kommt es, dass ich erst heute, am Tag vor Vorlesungsbeginn, auf dem Weg zu meiner Studentenbude bin. Sorry, neuer Mitbewohner. So lernen wir uns leider erst heute kennen. Ich hoffe, du hast mich nicht vermisst.
Im Hausflur wabert mir der vertraute Geruch nach Zigaretten und Essen entgegen, während ich das unpersönliche Treppenhaus hinaufsteige. Dritter Stock. Ich atme tief durch. Nichts geht mehr.
Ich lasse den Schlüssel ins Schloss meiner Wohnungstür gleiten. Ein leichtes Kribbeln breitet sich in meiner Magengegend aus, denn ich habe keine Ahnung, was mich erwartet. Das Studentenwerk hat mir den neuen Mitbewohner vermittelt, ich selbst hatte mit ihm bisher nur in ein paar nichtssagenden SMSen Kontakt. Ich weiß nur, dass mein neuer Mitbewohner Robin heißt und gerade sein Studium beginnt, während ich im fünften Semester bin. Keine Ahnung, ob er homophob ist, ein Nazi, Drogen nimmt, wilde Partys feiert, nie die Küche aufräumt, ein Streber ist … oder vielleicht der beste Mitbewohner der Welt. Das alles wird sich mir zeigen, wenn ich diese Tür öffne.
Ich atme tief ein, drehe den Schlüssel im Schloss herum und stoße die Tür auf. Ich stehe in einem Gemeinschaftsraum mit Küche, von dem drei Türen in die beiden Schlafzimmer und das Bad führen. Eine der Zimmertüren ist offen und das Bild, das sich mir bietet, lässt mich tief Luft holen. Dort steht ein feingliedriger junger Mann, vornübergebeugt und wühlt in einem Karton mit der Aufschrift „Andrew Christian“, den er wohl gerade aufgerissen hat. Der Boden um ihn herum ist mit bunten Kleidungsstücken übersät. Er reckt mir sein Hinterteil entgegen und das ist … nein, nicht komplett nackt. Ein schwarzes Band umrahmt seine knackigen Pobacken. Leise murmelt er: „Mal sehen, wie du an mir aussiehst“, während er eine Tüte mit knallpinkem Inhalt aus dem Karton zieht. Als er sich aufrichtet, fällt sein Blick im Spiegel auf mich, wie ich völlig erstarrt im Türrahmen stehe.
Der Twink quietscht erschrocken auf, springt herum und hält seine Hände vor sein bestes Stück, aber nicht, bevor ich einen Blick auf seinen in schwarze Spitze verpackten Schwanz werfen konnte. Mmmmmh.
„Wer bist du und was machst du hier?“, schleudert er mir kratzbürstig entgegen und mein Blick wandert von seinem Schritt über seinen schlanken Oberkörper zu seinem Gesicht. Und was für ein Gesicht!
Seine blauen Augen blitzen kampflustig und seine Wangen überzieht eine brennende Röte, von der ich nicht genau sagen kann, ob es Wut oder Scham ist. Vielleicht auch beides. Seine blonden Haare sind leicht durcheinandergeraten und stehen auf eine süße Weise von seinem Kopf ab.
„Ich bin Jonas und ich wohne hier.“, sage ich. „Und da morgen das Semester beginnt, ist es vermutlich nicht allzu überraschend, dass ich hier hereinschneie. Ich schätze mal, du bist Robin.“
„Ich dachte schon, dich gibt es nicht“, sagt mein neuer Mitbewohner unwirsch. „Sonst hätte ich nicht …“ er deutet mit einer ausladenden Handbewegung hinter sich. Dabei wird der Blick auf seinen sexy verpackten Penis wieder frei und mein Blick wandert unwillkürlich dorthin zurück und bleibt dort hängen.
„Hey! Nimm deine Augen von meinem Ding, du Arsch! Meine Augen sind hier oben!“, herrscht mich der sexy Kerl an.
Schuldbewusst gucke ich ihm ins Gesicht. „Naja, meine Sorge, du könntest homophob sein, hat sich damit scheinbar erledigt.“ Ich lächle ihn versöhnlich an.
„Oh“, sagt der Twink meiner Träume leise. Dann streckt er mir die Hand hin. „Ja, ich bin Robin. Was hältst du davon, wenn du erstmal ankommst, während ich den Rest meiner Lieferung begutachte, und wir treffen uns später, um in der Mensa was essen zu gehen und uns ein bisschen kennenzulernen?“
Er lächelt mich an und die Welt scheint für einen Moment stehen zu bleiben. Meine Knie werden weich.
„Klingt gut“, sage ich und wanke auf meine Zimmertür zu. Und als ich in der Tür zu meinem Zimmer noch einen Blick über meine Schulter werfe und einen Blick auf seinen Knackarsch zwischen den schwarzen Bändern erhasche, sage ich: „Behalt den. Der ist supersexy.“
Robin wackelt mit seinem Hintern und ruft fröhlich: „Ich werd’s mir überlegen. Ich hab noch sooooo viel anzuprobieren.“
Ich schließe die Tür zu meinem Zimmer und lasse mich dagegen sinken. Scheiße! Wieso setzt mir das Schicksal genau jetzt das heißeste Teil als Mitbewohner vor die Nase, das ich je gesehen habe? Dieses Semester wird richtig anstrengend, auch ohne die süße Versuchung, die gerade nebenan verführerische Unterwäsche anprobiert. Nicht, dass ich bisher gewusst hätte, dass ich auf Penisse stehe, die in Spitze verpackt sind. Bisher hatten die Männer in meinem Leben immer stinknormale Briefs an. Aber mein Schwanz hat sich völlig begeistert in meiner Hose aufgerichtet und meine Hände kribbeln vor Verlangen, den zarten Stoff auf dem hoffentlich steifen, heiß pochenden Fleisch meines Mitbewohners zu berühren. Wie zur Hölle soll ich mich so auf mein Studium konzentrieren? Und das nach dem ganzen Stress mit Nick und unserer unschönen Trennung. Ich seufze und beginne, den Inhalt meiner Tasche in den Schrank zu räumen.
Kaum bin ich damit fertig, als mein Handy klingelt.
„Na, Kleiner?“, meldet sich Sara, meine ältere Schwester. „Wie war die Reise?“
„Wenn man von meinem nach Knoblauch und Schweiß stinkenden Sitznachbarn, der kaputten Klimaanlage und dem schreienden Baby absieht, ganz gut. Wir waren nur eine halbe Stunde zu spät.“
„Also eine ganz normale Bahnfahrt.“
„Genau.“
„Und wie ist dein neuer Mitbewohner? Hast du ihn schon kennengelernt?“
„Ja, kurz. Er ist …“ Sexy. Fast nackt. Verwirrend. „… auch schwul.“
Sara lacht. „Das ist doch schonmal gut, oder? Dann sollte er wenigstens nicht homophob sein. Und ihr könnt gemeinsam um die Häuser ziehen und eure Probleme mit Männern besprechen.“
„Mhm. Mal gucken. Wir essen gleich zusammen, kann ja auch sein, dass wir uns überhaupt nicht verstehen. Nur weil wir beide schwul sind, müssen wir ja nicht gleich beste Freunde werden.“
„Klar. Ich drück dir die Daumen, dass er nett ist. Aber nicht zu nett. Fang bloß nichts mit einem Mitbewohner an. Weißt du noch, als ich im ersten Semester was mit Tobi hatte? Es war das absolute Drama, als ich mit ihm Schluss gemacht habe. Jedes Mal, wenn ich danach einen Typen mitgebracht habe, hat er versucht, ihn zu vergraulen. Einmal hat er sogar den Feueralarm aktiviert, damit ich keinen Sex mit meinem Date haben konnte. Er musste den Einsatz aus eigener Tasche zahlen. Das war richtig teuer.“
Ich erinnere mich gut an Tobi, mit dem Sara keine zwei Monate zusammen war, der aber danach das illustre Liebesleben meiner Schwester boykottierte, bis sie entnervt auszog.
„Wie könnte ich das vergessen.“
„Vielleicht hätte ich dir damals nicht alles so haarklein erzählen sollen, du warst aus heutiger Sicht echt noch zu jung dafür.“
„Ich war definitiv sehr früh sehr aufgeklärt“, stimme ich ihr zu.
„Naja, egal. Ich wollte dir nochmal für die megatolle Geburtstagssause danken. Es war großartig, dass du extra ein paar Tage länger geblieben bist, um mit mir Alkohol zu trinken und halbnackte Männer anzugucken.“
„Es war wirklich eine Qual. Kaum auszuhalten.“
„Ich weiß. Vor allem, als der Stripper, der eigentlich mir den Lapdance geben sollte, auf einmal auf deinem Schoß saß und mit dir rumgeknutscht hat.“
„Ich habe dir doch gesagt, dass er schwul ist. Hättest du den anderen genommen, hättest du im Zentrum seiner Aufmerksamkeit gestanden. Er war definitiv nicht schwul.“
„Das machen wir dann an deinem Geburtstag. Rache ist süß und so.“
„Wenn du meinst. Okay, ich muss jetzt los. Bis bald und grüß alle!“
„Bis bald, Kleiner! Viel Spaß bei deinem Essensdate mit deinem Mitbewohner!“
Als ich auflege, beginnt es in meinem Magen zu kribbeln. Ich hätte im neuen Semester mit vielem gerechnet, aber nicht damit, dass ich Schmetterlinge im Bauch habe, weil ich gleich mit meinem neuen Mitbewohner in der Mensa essen gehe. Ob er wohl weiterhin so anziehend auf mich wirken wird, wenn ich ihn näher kenne?
Ich atme noch einmal tief durch und öffne meine Zimmertür.
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