Einige Zeit später bin ich wieder vollständig angezogen und warte auf dem Sofa im Gemeinschaftsraum auf Jonas. Meine Füße liegen auf unserem unglaublich hässlichen Couchtisch mit der Oberfläche aus Spiegelplatten. Mega unpraktisch, sinniere ich. Wie der Fakt, dass ich mein Geld lieber für Lebensmittel und Lehrbücher ausgeben sollte als für sexy Unterwäsche. Warum sind Andrew Christians nur so unwiderstehlich sexy? Jeder einzelne der Briefs und Thongs und Jockstraps saß perfekt und dieser Einkauf wird ein Loch in meine Finanzen reißen. Aber ein Twink auf einer Mission hinein ins echte, wilde Leben muss tun, was ein Twink auf einer Mission ins wilde Leben tun muss. Und in meinem Fall bedeutet das, ein kleines Vermögen in verführerische Unterwäsche zu investieren.
Ich bewege subtil meine Hüfte, um zu spüren, wie die delikate Spitze sich mit meinem Körper bewegt. Ein Glück, dass Jonas nicht eine halbe Stunde früher nach Hause gekommen ist, als ich Tränen des Glücks über die erste Spitze vergossen habe, die meinen Körper berührt hat.
Als Jonas hereinkam, war ich schon im wilden Freudentaumel und wusste, dass ich jedes einzelne Höschen behalten und noch einen ganzen Schwung neue bestellen würde. Denn mit der sexy Unterwäsche ist nur ein Teil meines Traums vom echten, wilden Leben erfüllt. Teil zwei ist, endlich meine Jungfräulichkeit loszuwerden und darüber hinaus möglichst viele Erfahrungen zu sammeln. Seit ich die Funktion meines Schwanzes allein genauer erforscht habe, träume ich von leidenschaftlichem Sex. Sexy Unterwäsche, in der ich mich wohlfühle, kann dabei nur hilfreich sein, denke ich. Und jetzt, wo ich die ersten überwältigenden Momente hinter mir habe, ist die brennende Sehnsucht zurückgekehrt, die Entschlossenheit, all das Wahrheit werden zu lassen, was ich mir in meinem Kinderzimmer erträumt habe, als ich an mein Studium in der großen, weiten Welt gedacht habe.
Ein Geräusch lässt mich aus meinen Gedanken auffahren. Jonas steht in der Tür zu seinem Zimmer und mustert mich intensiv.
„Na, irritiert, dass es mich auch in angezogen gibt?“, grinse ich und habe den Eindruck, dass Jonas‘ Wangen ein bisschen rosa anlaufen. Er sieht eigentlich gar nicht schlecht aus, wenn ich mir so überlege. Groß und athletisch, mit kurzen braunen Haaren und lieben Augen. Vielleicht ein bisschen langweilig, aber definitiv hübsch. „Na los, lass uns in die Mensa gehen. Ich hab Kohldampf.“
Gemeinsam machen wir uns auf den Weg zur nahegelegenen Mensa. Sie ist riesig und an einem Tag wie diesem, an dem es keine Vorlesungen gibt, fast menschenleer. Nachdem wir uns beide Essen ausgesucht haben, setzen wir uns gemeinsam an einen Tisch und ich sage: „Na, dann erzähl mal. Hobbys, schlechte Angewohnheiten, Studiengang … kannst du kochen und putzen?“
Jonas lacht. „Ja, meiner Mutter war es immer wichtig, dass ich allein klarkomme. Und mein letzter Mitbewohner hat sich zumindest darüber nie beschwert. Und du?“
Ich verdrehe die Augen und werfe theatralisch die Hände in die Luft. „Sehen diese Hände aus, als würden sie putzen? Und sieht dieser Körper aus, als würde ich mehr essen als Salat?“
Jonas stockt und sieht mich schockiert mit offenem Mund an. Ich kann nicht mehr und breche lachend zusammen. „Quatsch! Ich mag zwar eine kleine Diva sein, aber ich kann durchaus auch einen Haushalt hinkriegen. Denke ich. Hauptsächlich freue ich mich aber darauf, endlich ich selbst sein zu können.“
„Wieso das?“, fragt Jonas und sieht mich mit seinen ernsten braunen Augen an.
„Naja, ich komme aus einem kleinen Dorf. Ich konnte noch nie verstecken, dass ich schwul bin, aber wie schwul, das hätte das ganze Dorf traumatisiert. Jetzt bin ich in der Großstadt. Ich will endlich machen, was ich will und tragen was ich will.“ Ich lächele süffisant und Jonas‘ Augen saugen sich an mir fest. Sie verschlingen mich förmlich, aber sie blicken auch verständnisvoll. „Ich will in Clubs gehen und flirten und Sex haben und mein Leben auskosten.“
„Ja, das wollen alle zu Beginn ihres Studiums“, grinst Jonas.
„Wolltest du das am Anfang auch?“, frage ich neugierig.
„Natürlich. Aber dann war das Studium doch anstrengender als gedacht. Versteh mich nicht falsch, ich hatte und habe auch meinen Spaß“, er grinst vielsagend und in meinem Bauch kribbelt es. „Aber ich weiß auch, was ich will und ich will auf jeden Fall mein Studium bald abschließen und Geld verdienen.“
„Du bist wohl ziemlich ehrgeizig, was?“
„Zielstrebig, würde ich sagen. Wenn ich etwas haben möchte, dann arbeite ich hart dafür, dass ich es auch bekomme“, sagt Jonas und schaut mich mit sengendem Blick an.
Mir wird heiß und ich befeuchte mir mit der Zungenspitze die Lippen. Mein Schwanz drückt gegen meinen Reißverschluss und durch meinen Bauch schießt ein aufregendes Kribbeln. Da ist jemand, der mir ein eindeutiges Angebot macht! Ich kann es kaum glauben.
Schließlich räuspert sich Jonas und unterbricht unseren aufgeheizten Blickkontakt. „Also, was studiert jemand, der sein Leben voll auskosten will?“
Ich verziehe ein bisschen das Gesicht ob des Themenwechsels. Habe ich seine Andeutungen doch falsch verstanden? „Kunst- und Literaturwissenschaften. Ehrlich gesagt habe ich keine Ahnung, ob das was für mich ist. Ich musste einfach nur zu Hause raus und dachte, das klingt nett. Und meinen Eltern ist das egal, sie zahlen einfach und ansonsten lassen wir uns in Ruhe.“
„Haben deine Eltern viel Geld?“
„Geht so, es tut ihnen zumindest nicht weh, mein Studium zu finanzieren. Aber wir wohnen jetzt auch nicht in einer Villa und haben zwanzig Bedienstete oder so. Ich habe immer alles gekriegt, was ich wollte. Materiell, meine ich.“
„Okay … meine Eltern haben nicht so viel Geld. Ich bekomme Bafög und muss eventuell noch zusätzlich arbeiten, mal sehen. Aber meine Eltern habe immer richtig viel mit mir und meinen Schwestern unternommen. Wir sind sehr eng miteinander.“
„Daher der Wunsch, bald Geld zu verdienen?“
„Vermutlich auch. Aber ich wünsche mir einfach, damit schöne Dinge erleben zu können. Reisen, ein bisschen Sicherheit …“
„Spiiiiießig“, singe ich. „Aber das Verhältnis zu deiner Familie klingt schön. Das habe ich mir auch immer gewünscht.“ Ich klimpere möglichst verführerisch mit den Augen. „Aber jetzt habe ich ja dich und du wirst mein bester Freund und wir lackieren uns gegenseitig die Fingernägel und flechten uns Zöpfe!“
Jonas lacht. „Ich bin zwar schwul, aber darauf stehe ich leider nicht. Zumindest nicht bei mir selbst. Hast du Geschwister?“
Schon wieder so ein merkwürdiger Themenwechsel.
„Nein. Ich bin Einzelkind. Wie viele Schwestern hast du?“
„Zwei. Sara ist vorgestern dreißig geworden, das war der Grund, warum ich erst heute wiedergekommen bin. Und Mila geht noch zur Schule. Sie ist fünfzehn.“
„Hattet ihr eine große Party?“
„Nee, Sara wollte in einen Stripclub. Sie findet es total toll, dass wir beide auf Männer stehen und liebt es, mit mir darüber zu sprechen, welche Männer heiß sind und so weiter. Ihr Pech, denn der Stripper, den sie für ihren Lapdance ausgesucht hat, fand mich eindeutig interessanter als sie.“
Ich muss lachen. „Ich bin so neidisch! Ich wünschte, ich wäre auch schon einmal in einem Stripclub gewesen! Ich habe so viel nachzuholen, ich kann es gar nicht erwarten!“
„Okay, du Hengst. Was sind deine Hobbys? Ich befürchte das Schlimmste“, wechselt Jonas das Thema.
„Was wäre denn das Schlimmste?“
„Du … übst jeden Tag Stepptanz für eine Revue.“
Ich schüttele den Kopf.
„Du drehst Videos für alle möglichen Kanäle, weil du Influencer bist?“
„Hmmm, gute Idee, aber nein.“
„Jede Nacht lädst du alle deine Freunde ein und ihr feiert bis zum Morgengrauen?“
„Schön wär’s! Aber welche Freunde? Ich kenne bis jetzt nur dich! Ich bin schüchtern!“
„Okay, mir fällt nichts mehr ein. Was machst du?“
„Ich mache Kunsthandwerk. Hauptsächlich Töpferkunst, aber auch Holzarbeiten oder Schmuck. Wozu ich eben das Material verfügbar und Lust habe. Zu Hause habe ich es auf Kunsthandwerkermärkten und im Internet verkauft. Mal gucken, ob ich während des Studiums und des wilden Partylebens noch Zeit dafür habe.“
„Wow, das ist ja mal was ganz Anderes. Ich kannte noch nie jemanden in unserem Alter, der sowas macht.“
„Ja?“, frage ich ein bisschen zickig. „Es war kein Hobby, das ich mit vielen Gleichaltrigen geteilt habe. Aber das passte ganz gut, weil ich eh keine Freunde hatte, wegen des Schwulseins und so.“ Ich verschränke die Arme vor der Brust.
„So war das nicht gemeint. Ich finde es wirklich cool, dass du was anderes machst als die anderen. Es macht dich …“
„Anders? Besonders? Speziell? Klingt alles nicht toll“, frage ich gereizt.
„Mutig“, sagt Jonas. „Und stark. Du machst, was du willst, egal was die anderen sagen.“
„Manchmal hat man keine andere Wahl“, sage ich leise. Aber ich lächele ihm zu. Jonas scheint echt okay zu sein. „Und was machst du in deiner Freizeit? Lass mich raten: Sport.“
Jonas grinst schuldbewusst. „Du hast mich ertappt. Ich war im Fußballverein und sobald ich alt genug war, habe ich mich im Fitnessstudio angemeldet. Also man könnte sagen, ich bin der typische Mitläufer.“
„Auch nicht wirklich.“ Ich schüttele den Kopf. „Ein schwuler Fußballer. Wussten das deine Teamkameraden?“
„Lange nicht. Es ist erst ganz am Ende rausgekommen, als mein Ex mich zu Spielen begleitet hat. Ich habe es nie versteckt, aber es fand halt einfach in einem anderen Teil meines Lebens statt. Fußball war Fußball. Meine schwulen Freunde waren eher aus der Schule und hatten mit Fußball nichts zu tun.“
„Und wie haben deine Teamkameraden reagiert?“
„Überwiegend gut. Zwei haben sich lustig gemacht, aber wir waren ja schon achtzehn. Da sind die Leute schon offener für sowas. Hätte ich mich drei, vier Jahre früher geoutet, wäre das bestimmt anders gewesen.“
„Spielst du immer noch?“
„Ja, in einer Amateurmannschaft der Uni. Da sind coole Leute dabei und es bringt mir einen Ausgleich zum Lernen.“
„Okay, Herr schwuler Fußballer. Und was studierst du so? Ich wette, ich werde dich in keiner meiner Vorlesungen sehen.“
Jonas schüttelt den Kopf. „Wohl eher nicht. Ich studiere Jura.“
„Wow, du bist also nicht nur durchtrainiert, sondern auch noch schlau. Du solltest dich wirklich vor meinen Avancen in Acht nehmen.“, sage ich und werfe ihm einen Luftkuss zu. „So, bist du fertig mit essen? Dann lass uns zusammen nach Hause gehen, Baby“, sage ich und er lacht.
Ich hetze einen langen, fensterlosen Gang entlang, der von flackerndem Neonlicht beleuchtet wird. Nach der Hälfte seiner Länge erscheinen links und rechts zwei weitere Gänge und ich bin mir sicher, dass am Ende des Ganges wieder zwei mögliche Abbiegungen auf mich warten.
Herzlich willkommen in der Uni!
Ich blicke auf den zerknitterten Zettel in meiner Hand und checke die Raumnummern an der Gabelung. Verdammt! Wie kann es sein, dass diese Räume auf einmal ein H vor der Nummer haben? An der letzten Gabelung war es ein S. Was ich benötige, ist Raum T35. Ob ich den Lageplan verkehrt herum halte? Diese Uni sollte sich Google Maps anschaffen!
Da ich mit Sicherheit weiß, dass hinter mir keine Räume mit T vor der Zahl sind, entscheide ich mich nach einem Blick auf den nutzlosen Lageplan, den rechten Gang zu nehmen. Ein Blick auf mein Handydisplay zeigt mir, dass ich noch zwei Minuten Zeit habe, den richtigen Raum zu finden, bevor das Seminar beginnt.
Ich ruckele meinen Rucksack auf meinem Rücken zurecht, da er die Angewohnheit hat, mir von der Schulter zu rutschen und renne los.
Fünfzehn Minuten später erreiche ich schweißüberströmt und keuchend den richtigen Raum. Nachdem ich fast vierzig Minuten durch die Gänge der Universität geirrt bin, sollte mich die Dimension nicht überraschen, aber ich bin trotzdem überwältigt, als sich mehrere hundert Augenpaare nach mir umdrehen und dabei zusehen, wie ich schnaufend und schwitzend im Türrahmen erscheine. Okay. In diesem Seminar sitzen gefühlt genau so viele Leute wie an meiner letzten Schule Schüler und Schülerinnen waren. In allen Jahrgängen zusammen. Ich wusste nicht, dass man innerhalb eines Landes einen Kulturschock bekommen kann, aber gerade fühle ich mich, als hätte ich einen.
Ich bin weiß Gott kein schüchterner Mensch, aber ich hatte mir meinen ersten Unitag etwas glamouröser vorgestellt. In meinen Tagträumen betrete ich seit Wochen einen lichtdurchfluteten, modernen Raum, in dem ein paar gutaussehende, freundliche Leute sitzen, die mir zulächeln. Ich setze mich neben den hübschesten Mann, der errötet und mir einen schüchternen Blick zuwirft. Weil er seine Stifte vergessen hat, helfe ich ihm mit meinen aus und nach dem Seminar sitzen wir auf einer parkartigen Grünfläche und teilen uns ein gesundes, aber leckeres Mittagessen. Wir füttern uns und beenden die Mittagspause mit heißen Küssen und am Ende des Tages verliere ich endlich meine Unschuld.
Stattdessen blickt nun ein Dozent mit gerunzelter Stirn zu mir auf, während die anderen Studierenden zu tuscheln beginnen.
„Entschuldigung, ich … habe den Raum nicht gefunden“, stammele ich.
„Gehen Sie nächstes Mal früher los“, ist die wenig hilfreiche Antwort des Dozenten.
Ich nicke und lasse mich auf den nächsten freien Platz fallen.
„Der ist reserviert“, sagt mein Sitznachbar, der wie in meinem Tagtraum ziemlich gut aussieht, und deutet auf eine Damenjacke, die über der Stuhllehne hängt.
„Oh, sorry.“
Ich erhebe mich wieder und sehe mich suchend um. Ich entdecke einen freien Platz mitten im Raum und mache mich dorthin auf den Weg, was nicht einfach ist, weil die Reihen so eng sind, dass alle, die in der Reihe sitzen, rücken müssen.
Die Frau am Gang seufzt genervt auf, bevor sie beginnt, ihren Stuhl mit größtmöglicher Umständlichkeit nach vorne zu rücken.
„Wenn ich dann jetzt mit dem Seminar fortfahren könnte“, meint der Dozent genervt.
Ich breche meinen Versuch ab, zu dem freien Platz zu kommen, noch bevor die Freundin der Frau am Gang zu Ende ihre Augen verdreht hat, ehe sie aus dem Weg rückt und setze mich kurzerhand im Schneidersitz auf den dreckigen Teppichboden. Er kratzt und ich kann einige eingetretene Kaugummis erspähen.
„Kommen Sie bitte am Ende des Seminars zu mir, damit wir die organisatorischen Dinge besprechen können, die sie verpasst haben“, fordert der Dozent geschäftsmäßig.
„Okay“, seufze ich.
Nach anderthalb Stunden Seminar auf dem dreckigen Teppichboden sind nicht nur meine Beine, sondern auch mein Hintern eingeschlafen und mein Rücken tut weh. Außerdem habe ich, nachdem ich ein Insekt vorbeikrabbeln sah, den Gedanken an Läuse und ähnliches Ungeziefer nicht aus dem Kopf bekommen, weshalb es mich jetzt am ganzen Körper juckt.
„Das war’s für heute. Wir sehen uns dann nächste Woche“, beendet der Dozent seinen Vortrag. Mit einem Blick auf mich fügt er noch hinzu: „Pünktlich.“
Ich nicke und kann kaum meine Stifte, Zettel und mein Tablet in meiner Tasche verstauen, bevor die ersten Studierenden die Sitzreihen verlassen und ohne Rücksicht auf Verluste über mich steigen, um den Raum zu verlassen. Ich kann gerade noch meine Trinkflasche retten, bevor sie zwischen den Füßen der anderen verschwindet, stopfe sie in meinen Rucksack und springe auf die Füße. So langsam beschleicht mich der Verdacht, dass das Leben in der Großstadt anderen Regeln folgt als das Leben auf dem Land.
Während alle anderen in eine Richtung gehen, um den Raum zu verlassen, versuche ich, in die entgegengesetzte Richtung zu gelangen, um mit dem Dozenten zu sprechen. Es ist unmöglich. Im Endeffekt presse ich mich gegen einen der Tische im Gang, während sich die Leute an mir vorbeiquetschen. Als endlich der Weg frei ist, trete ich vor den Dozenten.
„Sehr schön, Sie sind ja doch noch da. Also, um dieses Seminar zu bestehen, erwarte ich folgende Leistungen von Ihnen.“
Der Dozent redet und redet und mir schwirrt der Kopf. Ich kann aus einem Pool verschiedener Aufgaben wählen, die bis zu bestimmten unterschiedlichen Terminen teilweise allein, teilweise in Gruppen, erbracht werden müssen. Ich nicke und versuche, mir alles zu merken, obwohl ich schon weiß, dass es vergeblich sein wird. Glücklicherweise ist der letzte Satz des Dozenten, dass ich all diese Informationen auch im Internet finden kann.
Als ich endlich den Raum verlasse und mich auf die Suche nach der Mensa mache, ist die Mittagspause schon fast vorbei.
„Wie war der erste Tag in der Uni?“, fragt Jonas, als ich unsere Wohnung betrete.
„Beschissen“, stöhne ich und lasse meinen Rucksack auf den Boden fallen, bevor ich mich neben ihn auf das Sofa fallen lasse. „Ich habe den ersten Raum nicht gefunden, kam eine Viertelstunde zu spät, musste das ganze erste Seminar über auf dem Boden sitzen und der Dozent hat mich danach noch eine halbe Stunde vollgelabert. Als ich die Mensa endlich gefunden hatte, war keine Zeit mehr, um noch etwas zu essen, daher habe ich mir am Automaten einen Riegel ziehen wollen, aber der Automat hat mein Geld gefressen und der Riegel ist hängen geblieben. Also wollte ich jemanden vom Personal holen, der mir hilft, aber in der Zeit hat jemand anders Geld eingeworfen und hat meinen und seinen Riegel vom Automaten ausgespuckt bekommen. Danach habe ich den nächsten Seminarraum gesucht, wo ich nicht auf dem Boden sitzen musste, aber neben einem Typen, der irgendwie merkwürdig war und die ganze Zeit mit einem Messer in den Tisch geritzt hat. Ich hoffe einfach, dass er im Kunstseminar sitzt, weil er gerne schnitzt. Im letzten Seminar hatte ich so großen Hunger, dass mein Magen die ganze Zeit geknurrt hat und der Typ neben mir, der übrigens echt gut aussah, mich irgendwann ziemlich genervt angeguckt hat.“
Ich atme tief aus und spüre, wie mein Körper ein bisschen von der Anspannung verliert, die sich über den Tag aufgebaut hat.
„Das klingt richtig ätzend“, meint Jonas mitfühlend. „Hast du inzwischen was gegessen?“
„Nein“, murre ich. „Vermutlich bestelle ich gleich eine Pizza, auf die ich dann zwei Stunden warten muss.“ Wie auf Kommando knurrt mein Magen laut und nachdrücklich.
„Keine Sorge, du wirst schon nicht verhungern“, sagt Jonas. „Ich hatte Hunger, weil ich noch im Fitnessstudio war und habe ein paar Dinge in die Pfanne geworfen. Es ist noch genug übrig, was du haben kannst.“
Er steht auf und kommt kurze Zeit später mit einem Teller voller Essen zurück.
Wie sich herausstellt, ist „ein paar Dinge in die Pfanne werfen“ etwas, was Jonas wirklich gut kann. Ich habe keine Ahnung, wie ich das Gericht benennen soll, aber alle Zutaten sind perfekt aufeinander abgestimmt und die Gewürze runden das Ganze glorreich ab.
„Mmmmh, ich glaube, ich liebe dich“, stöhne ich, als ich den letzten Bissen verputzt habe.
Jonas guckt mich von der Seite an und ich meine, dass ich eine leichte Röte in seine Wangen steigen sehe.
„Wenn du willst, kann ich für dich mitkochen. Wir können eine gemeinsame WG-Kasse haben, aus der ich das Essen kaufe.“, schlägt er schüchtern vor.
„Das würdest du machen? Du bist wohl echt der perfekte Mitbewohner!“, jubele ich.
„Kein Problem. Ich koche gerne, und ob ich die einfache oder die doppelte Menge mache, ist mir egal.“
Ich strahle ihn an und für einen Augenblick treffen sich unsere Blicke und die Zeit scheint still zu stehen. Dann räuspert sich Jonas und fragt: „Wie wäre es mit Netflix? Ein Kumpel hat gerade von dieser neuen Serie erzählt, hast du die schon gesehen? Wir könnten sie zusammen gucken.“
„Gerne!“ Ich kuschele mich neben ihm auf dem Sofa ein und wir starten einen der gemütlichsten Abende, die ich je hatte. Wenn ich nach jedem misslungenen Unitag zu einem solchen Abend mit Jonas heimkehren kann, sieht meine Zukunft vielleicht doch nicht so düster aus, wie sie mir heute vorkam. Und wer weiß, vielleicht wird morgen ja viel besser?
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