Ich sitze auf dem Sofa an unserem Couchtisch, gucke RuPaul’s Drag Race und versuche zum ersten Mal in meinem Leben, mir die Fingernägel zu lackieren. Obwohl ich kunsthandwerkerisch begabt ist, ist das definitiv nicht meine Stärke, es sei denn, es wäre mein Plan den Tisch zu lackieren. Oder meine Hände. Darauf ist auf jeden Fall am meisten von dem Glitzerlack.
Die Tür zu Jonas‘ Zimmer geht auf und heraus kommt ein goldblonder Twink, dem ich sofort ansehe, dass er vom selben Ufer ist wie Jonas und ich. Alles an ihm glitzert. Sein T-Shirt, seine Schuhe, sein Makeup, seine Nägel, der Stecker in seinem Nasenflügel. Was macht er in Jonas‘ Zimmer? Ich fühle ein Stechen in der Magengegend und hoffe, dass ich nicht krank werde.
Der Blick des Twinks fällt auf mich und mein Nagellackmassaker.
„Ooooh, Nagellack. Dein erstes Mal?“, fragt er wissend.
Ich nicke unwirsch.
„Hey, ich bin Chris.“ Er streckt mir die Hand hin, überlegt es sich beim Anblick meiner nagellackverschmierten Hände aber anders. „Und du musst Robin sein. Großartiger Name, finde ich übrigens. Nicht sowas langweiliges wie Christopher.“ Er verzieht das Gesicht. „Darf ich dir zeigen, wie es geht?“
„Okay“, sage ich, denn allein komme ich hier nicht weiter.
„Darling, es dauert einen Moment, ich habe hier einen Notfall!“, ruft Chris in Richtung Jonas‘ offener Tür. „Rutsch mal zur Seite. Hast du Nagellackentferner?“
Ich schüttele den Kopf. „Nein, ich wollte den Nagellack ja eigentlich eine Weile drauf lassen.“
Chris schüttelt den Kopf und schnalzt unwillig mit der Zunge.
„Darling, kannst du mal bitte, meinen Rucksack bringen?“, ruft er.
Jonas kommt mit einem Rucksack aus seinem Zimmer und stellt ihn neben Chris ab. „Ich lasse euch mal machen. Das war’s dann wohl für heute“, sagt er zu Chris.
„Vielleicht können wir nachher noch ein bisschen da weiter machen, wo wir aufgehört haben.“, sagt Chris und lächelt Jonas an.
„Oh ja, das wäre echt gut!“, sagt Jonas und verschwindet in seinem Zimmer. Das ungute Gefühl in meiner Magengegend verstärkt sich. Nicht, dass ich wirklich krank werde.
„Okay, dann legen wir mal los“, sagt Chris und kramt aus seinem Rucksack ein Fläschchen Nagellackentferner und einen Wattepad hervor. Als er sich an die Arbeit macht, meine Hände und die Tischplatte zu säubern, frage ich vorsichtig: „Also, woher kennst du Jonas?“
„Wir studieren zusammen Jura“, antwortet Chris konzentriert.
„Also kennt ihr euch schon lange?“, frage ich und versuche, es unschuldig klingen zu lassen, aber es klingt so, so falsch.
„Seit zwei Jahren. Jonas ist mein bester Freund. Momentan sitzen wir gerade an einer Hausaufgabe, die wir als Partnerarbeit einreichen müssen“, sagt Chris.
Ich schaue ihn ungläubig an. „In der ersten Woche?“
„In der ersten Woche. Daran haben wir gearbeitet und daran werden wir auch noch eine Weile arbeiten.“ Er blickt mich an, legt mir eine Hand auf die Schulter und klimpert mit den Wimpern. „Nur daran.“
Ich schaue zurück und nicke.
„Gut, also dann. Du tauchst den Pinsel in den Nagellack und wenn du ihn rausziehst, streichst du am Rand Farbe ab. Dann tropft es nicht alles voll, guck, so. Dann machst du einen Strich in der Mitte des Nagels, so. Bei den kleineren Nägeln reicht das manchmal schon fast. Ansonsten machst du links und rechts vom ersten Strich noch jeweils einen, so.“ Chris hat meinen Daumennagel perfekt lackiert. „Jetzt probier du es mal.“
Ich mache mich an die Arbeit, und tatsächlich, es sieht schon viel besser aus als vorher. Solange ich die Nägel meiner linken Hand lackiere. Danach wird es etwas schwieriger.
„Übung macht den Meister“, sagt Chris und stupst mit seinem Knie an meins. „Und jetzt weißt du auch, warum du immer Nagellackentferner dahaben solltest, schon beim Lackieren. Wie sieht es aus, kann ich dir noch mit etwas anderem helfen? Makeup? Sexy Kleidung? Intimrasur? Douching?“
Mir stockt der Atem. „Ähm. Alles? Das würdest du tun?“
„Na klar. Ich bin Queen Mum und du bist meine kleine Prinzessin.“ Er grinst. „Ich bringe dir alles bei, was du wissen musst, um in der großen, weiten Welt zu überleben. Ich bin diese Woche wahrscheinlich öfter da, weil die Hausaufgabe so aufwändig ist. Wir können uns jeden Tag was anderes vornehmen.“
„Du weißt, wie man sich … vorbereitet?“, frage ich noch einmal fasziniert.
„Natürlich. Das ist essenziell. Ich will mir keine Sorgen um irgendetwas machen müssen. Wie hast du das bisher gehandhabt?“
„Ähm … ich hab noch nie … vielleicht könntest du …“
Chris lacht. „Ich kann dir zeigen, wie man sich vorbereitet, aber durch den Rest musst du allein durch. Diese Queen …“ er zeigt auf sich, „… übernimmt nur die Rolle des Bottoms und wenn mich nicht alles täuscht, gilt das Gleiche für dich, oder? Man soll ja nicht von Stereotypen ausgehen.“
Mit brennenden Wangen nicke ich. „Das stimmt, ich sehe mich definitiv als Bottom.“
Chris blickt mich fest an. „Gut. Dann können wir darüber reden. Erfahrungen austauschen. Es ist gut, jemanden zu haben mit dem man das tun kann.“
Ich strahle Chris an. Sollte ich tatsächlich jemanden gefunden haben, der ist wie ich? Denn obwohl ich bisher jeden Tag hochmotoviert in die Uni gegangen bin, bin ich doch jeden Tag enttäuscht zurückkgekommen. Klar, Chris ist nicht der gutaussehende Kommilitone, der mir mein unvergessliches erstes Mal schenken wird, aber er wird mich bestimmt nach Kräften unterstützen. Und das ist viel mehr, als jeder der Menschen, die mir bisher in dieser Uni über den Weg gelaufen sind, mir geben kann.
Ich stehe wieder einmal allein in der Mensa. Keine Ahnung, warum es mit mir und den Leuten in meinem Studiengang nicht klappt. Ich habe das Gefühl, dass alle außer mir inzwischen in Cliquen unterwegs sind und nur ich jedes Mal, wenn ich einen Seminarraum betrete, allein unter Grüppchen lande. Ich hatte mir das doch alles so anders vorgestellt! Viele coole Freunde, mit denen ich am Wochenende spannende Sachen unternehme, ich, wie ich von den anderen Jungs angehimmelt und begehrt werde …
Stattdessen stehe ich als einsame Insel mit meinem Tablett in einem lauten Gewusel aus Stimmen und Bewegungen. Um mich herum balancieren Leute ihre Tabletts, rufen und winken sich zu, finden sich in Grüppchen zusammen, in denen sie essen. Ich lasse meinen Blick schweifen und versuche, einen leeren Tisch auszumachen, oder zumindest einen, an dem genug Platz ist, sodass es nicht aussieht, als würde ich mich in eine bestehende Gruppe quetschen.
Aus dem Augenwinkel sehe ich eine Handbewegung und ignoriere sie im ersten Moment, weil ich mir einfach nicht vorstellen kann, dass sie mir gilt. Doch dann mache ich in dem Stimmengewirr um mich herum eindeutig meinen Namen aus. „Robin! Komm zu uns!“
Und tatsächlich! Dort sitzen Jonas und Chris mit einer jungen Frau. Sie können noch nicht lange dort sein, denn ihre Teller sind noch voll. Erleichtert atme ich auf und bahne mir den Weg zu ihnen.
„Schön dich zu sehen, Prinzessin!“, sagt Chris und gibt mir einen Kuss auf die Wange. „Magst du mit uns essen, oder bist du mit Leuten aus deinem Studiengang verabredet?“
„Nein, ich … ich esse gerne mit euch.“
Sie müssen ja nicht wissen, dass ich noch keine Freunde gefunden habe.
Ich fange Jonas‘ Blick auf, der mich anlächelt, was mein Herz ein bisschen schneller schlagen lässt.
„Wunderbar!“ Chris klatscht in die Hände. „Lasst es euch schmecken, Darlings!“
„Hey, ich bin Dina“, stellt sich die junge Frau vor.
„Dina ist mit mir schon in die Schule gegangen“, erklärt Chris. „Sie erträgt mich schon fast ihr ganzes Leben.“
„Eigentlich schon seit dem Kindergarten“, ergänzt Dina.
„Dina, wie läuft es mit Kai?“, fragt Chris. „Ich brenne schon die ganze Zeit darauf, dich danach zu fragen. Konntest du herausfinden, ob an deinem Verdacht etwas dran ist?“
Dina runzelt die Stirn und kaut gedankenverloren auf einer Pommes herum.
„Dina ist der Meinung, dass ihr Freund sie betrügt“, erklärt Jonas. „Wir haben uns verschiedene Strategien überlegt, wie sie es herausfinden kann.“
„Oh.“
Ich frage mich, warum sie ihn nicht einfach danach fragt, aber was weiß ich schon von Beziehungen? Ich hatte schließlich noch nie eine.
„Nicht wirklich“, sagt sie. Er ist gestern Nacht wieder total spät nach Hause gekommen, aber dann wollte er plötzlich Sex und das hat mich total verwirrt. Ich dachte, dass er sich mit jemand anders getroffen hat, aber warum sollte er dann danach noch Sex mit mir wollen? Ich wollte mit ihm reden und ihn auf meinen Verdacht ansprechen, aber er hat mich geküsst und dann …“
„… hast du stattdessen die Beine breit gemacht?“, fragt Chris.
Dina nickt und stützt den Kopf in die Hände.
„Ach, Süße! Mach dir keine Gedanken. Das ist uns doch allen schon mal passiert.“, tröstet Chris sie, während Jonas zustimmend nickt. Ich blicke verwirrt auf meinen Teller und fühle mich schrecklich unerfahren. Ich wünschte, jemand würde mal wollen, dass ich die Beine für ihn breitmache. Keine Ahnung, warum Dina sich deswegen schlecht fühlt.
„Und dann war der Sex auch noch scheiße“, beschwert sie sich. „Ich weiß gar nicht, warum ich mir noch die Mühe mache. Aber es ist einfach nicht mehr so wie früher mit ihm.“
Sie blickt mich an: „Wir sind seit fast zehn Jahren zusammen.“
Wow. Das ist richtig krass. Wenn Dina so alt ist wie Chris, ist sie gerade mal Anfang zwanzig. Sie hat also ihre ganze Jugend mit diesem Typen verbracht. Vermutlich alle ihre ersten Male mit ihm erlebt.
Manchmal wünsche ich mir das auch, ganz tief im Inneren. Diesen einen Menschen zu treffen, mit dem ich meinen ersten Kuss habe, meinen ersten Sex, Blowjob, was auch immer. Den ich heirate und mit dem ich mir ein Haus kaufe und einen Hund. Eventuell sogar Kinder habe. Ich wage es kaum, mir diesen Wunsch einzugestehen, denn er ist so unglaublich romantisch und unrealistisch. Wie man gerade an Dina sieht.
Deswegen stürze ich mich meistens in Szenario Nummer zwei, das Szenario, von dem ich Jonas erzählt habe. In dem ich von allen begehrt werde und ständig einen Neuen habe. Wo ich quasi nur mit dem Hintern wackeln muss, und die Typen stehen Schlange. Was ich alles für Abenteuer erleben, was ich alles ausprobieren würde. Ich wäre super erfahren und alle Männer wären glücklich, mit mir geschlafen zu haben.
Nüchtern betrachtet ist allerdings das eine Szenario ebenso unrealistisch wie das andere und vermutlich werde ich in naher Zukunft von einer längeren Beziehung in die nächste taumeln, je nachdem, wie lange wir es miteinander aushalten. Oder aber ich bleibe auf ewig jungfräulicher Single.
Dina, Chris und Jonas sind inzwischen in einer leidenschaftlichen Diskussion gefangen.
„Ich finde, eine Beziehung kann auch offen sein“, sagt Chris gerade. „Wenn beide damit einverstanden sind, dass es noch andere Sexualpartner gibt …“
„Eben, beide müssen einverstanden sein!“, ruft Dina. „Wenn er aber hinter meinem Rücken andere Frauen hat, dann ist es nicht einvernehmlich zwischen ihm und mir!“
„Definitiv nicht. Und abgesehen davon ist es auch typabhängig, ob man mit einer offenen Beziehung leben will oder nicht. Für mich zum Beispiel wäre es schrecklich, wenn mein Partner mich betrügen würde.“, sagt Jonas.
„Aber wenn du ihn wirklich liebst?“, fragt Chris. „Ist Liebe nicht mehr wert als Treue?“
„Wie meinst du das?“, fragt Dina.
„Ich meine, dass jeder Mensch Fehler machen kann, auch wenn er liebt. Wenn man unerfahren ist oder wenn man sein halbes Leben in einer Beziehung gewesen ist, kann man dann nicht mal über den Tellerrand schauen wollen? Ist es nicht ganz schön egoistisch, den anderen so vereinnahmen zu wollen?“
„Ich finde nicht, dass es egoistisch ist, dass ich nicht betrogen werden will!“ Dina ist jetzt richtig wütend. „Sollte Liebe nicht bedeuten, dass man den anderen nicht verletzen will?“
„Aber was wäre, wenn er von Anfang an offen damit umgegangen wäre? Würdest du ihm dann das Recht verwehren, auch mal andere Erfahrungen zu machen?“
„Kann er die Erfahrungen nicht auch mit Dina machen?“, frage ich, weil mir gerade ein Gedanke durch den Kopf schießt. „Wenn man zum Beispiel … im Bett mal was Neues ausprobiert?“
„Das wäre bestimmt eine Möglichkeit“, meint Chris anerkennend.
„Es müsste schon eine ganz schön große Liebe sein, damit ich einen Seitensprung verzeihe“, sinniert Jonas. „Und ich wüsste auch nicht, was einen Seitensprung verzeihlich macht.“
„Naja, stell dir mal vor, du wärst in Dinas Situation und denkst, du wirst betrogen. Wäre es dann nicht auch in Ordnung, wenn Dina auch fremdgeht? Dann hätten sie beide das Gleiche gemacht. Und wenn sich dann herausstellen würde, dass Kai gar nicht fremd gegangen wäre …“
„Das ist mir zu kompliziert“, meint Dina. „Du meinst also, ich soll Kai fremdgehen?“
„Nein, ich meine nur, dass für jede Beziehung andere Regeln gelten können. Monogamie ist normativ festgelegt.“
„Ich finde, was du beschreibst ist eine Beziehung, die zum Scheitern verurteilt ist“, wirft Jonas ein.
„War ja auch nur eine hypothetische Frage“, lenkt Chris ein. „Wie sicher sind wir uns denn jetzt, dass er dich betrügt? Was sind die Fakten?“
„Er kommt oft später nach Hause oder sagt, dass er sich mit Leuten trifft, mit denen er sich nachweislich nicht trifft“, zählt Dina auf. „Er hat weniger Lust auf Sex und der Sex ist auch nicht mehr so gut wie früher. Er vergisst Verabredungen mit mir und will an den Wochenenden nichts mit mir unternehmen.“
„Hmm, Jonas, du bist hier derjenige mit der meisten Beziehungserfahrung“, meint Chris. „Und du bist derjenige, der sich zuletzt getrennt hat. Was meinst du?“
„Ich denke, dass es nicht sicher ist, dass er dich betrügt. Wir müssen uns einen besseren Plan überlegen, um sicherzugehen.“
Also stecken wir die Köpfe zusammen und überlegen uns weitere Maßnahmen, wie wir herausfinden können, was mit Kai nicht stimmt. Die Mittagspause vergeht wie im Flug.
„Ich komme nach der Uni bei dir vorbei, okay, Prinzessin?“, sagt Chris. „Und morgen treffen wir uns wieder hier und gucken, wie es mit Kai weitergegangen ist. Keine Widerrede!“
„Hey Prinzessin! Sorry, dass ich so spät bin.“, sagt Chris, als er sich abends auf meinem Schreibtischstuhl niederlässt. Er zuckt zusammen und stößt ein zischendes Geräusch aus, als sein Hintern die Sitzfläche berührt.
„Ist alles in Ordnung?“, frage ich alarmiert. Ich sehe mir Chris genauer an und nehme seine geröteten Wangen und glänzenden Augen wahr. Seine Lippen sind geschwollen und gerötet und seine Haare ziemlich durcheinander. „Fühlst du dich nicht gut? Hast du Fieber?“
Chris lacht kurz auf und hält sich die Hand vor den Mund. „Entschuldige bitte, Robin. Es ist süß, wie naiv du bist.“
Ich schmolle ein bisschen und Chris lächelt mich an.
„Ich hatte gerade den besten Sex meines Lebens“, erklärt er mir und legt mir die Hand auf die Schulter. „So sieht man aus, wenn man frisch gevögelt ist. Und naja, er hatte einen ziemlich beeindruckenden Penis und ich war zu gierig und nicht genug vorbereitet.“
„Oh!“, hauche ich beeindruckt und nehme ihn noch genauer unter die Lupe. „Ich wünschte, ich hätte das auch schon mal gespürt.“ Dann runzele ich verwirrt die Stirn und frage: „Ich dachte, du warst bis eben in der Uni?“
Chris grinst. „Das war ich.“
„Du hast … in der Uni?“
Chris nickt und mir bleibt ein bisschen der Mund offenstehen. Ich bin beeindruckt und ehrlich gesagt ziemlich angetörnt. Wie aufregend Chris‘ Leben sein muss!
„Ich beneide dich“, flüstere ich.
Chris zuckt die Achseln. „Tu das lieber nicht.“
„Warum? Mit wem hattest du Sex?“, frage ich neugierig.
Chris zögert eine Weile. „Kannst du ein Geheimnis für dich behalten?“, fragt er dann.
Ich sehe ihn mit ernsten Augen an und nicke. Als er sich zu mir beugt und es mir ins Ohr flüstert, erstarre ich beinahe ehrfürchtig. „Wirklich?“, hauche ich.
Chris nickt. „Aber erzähl es nicht Jonas. Er würde ausflippen, wenn er es wüsste.“
Ich verschränke die Finger vor der Brust. „Prinzessinnenehrenwort.“
„Okay“, sagt Chris und beugt sich zu mir, um mir einen Kuss auf die Stirn zu geben. Ich erschauere und frage mich, was diese Lippen heute schon alles berührt haben. Es wird wirklich Zeit, dass Wochenende ist und ich mich das erste Mal in eine LGBTQ-Bar begeben kann!
„Ich habe dir etwas mitgebracht“, sagt Chris und beugt sich vor. Aus seinem Rucksack zieht er ein Paar schwarzer High Heels. „Ich hatte sie bestellt, aber sie sind mir zu klein und ich dachte, vielleicht passen sie dir besser. Magst du es mal versuchen?“
Mit großen Augen sehe ich die High Heels an. Es ist, als könne Chris Gedanken lesen. Seit er bei unserem zweiten Treffen in High Heels angekommen ist, weil er sie einlaufen wollte, sind sie mir nicht mehr aus dem Kopf gegangen. „Wie …“, setze ich an.
„Ich habe deine Blicke gesehen, Prinzessin“, grinst Chris. „Sie waren nicht schwer zu deuten.“
„Und … ich kann die wirklich haben?“
„Guck erstmal, ob sie dir passen und ob du darin laufen kannst“, mein Chris vorsichtig.
Das lasse ich mir nicht zweimal sagen. Ohne zu zögern, lasse ich meine Füße in die Schuhe gleiten. Das Aufstehen ist etwas wacklig und Chris hilft mir dabei, doch nach den ersten Schritten habe ich mein Gleichgewicht gefunden und wundersamerweise passen die Schuhe wie angegossen.
„Großartig, Prinzessin!“, jubelt Chris. „Die sind wie für dich gemacht! Und dein Knackarsch kommt wunderbar zur Geltung!“
Ich bin so glücklich, dass ich mein Glück einfach teilen muss und laufe auf die Zimmertür zu. Draußen steht Jonas und isst an die Küchenzeile gelehnt einen Teller Spaghetti. Als er mich in den High Heels sieht, reißt er die Augen auf. Im nächsten Moment beginnt er zu husten.
„Alles okay?“, frage ich und eile zu ihm, so schnell mich meine Schuhe lassen.
„Ja … ich hab mich … nur verschluckt“, japst Jonas.
Ich klopfe ihm ein paarmal auf den Rücken, bis er wieder ruhiger atmet. Danach lasse ich die Hand auf seinem Rücken liegen, denn sie fühlt sich gut dort an, irgendwie warm und kribbelig.
„Sieht Robin nicht heiß aus?“, fragt Chris und zwinkert Jonas zu.
Jonas‘ Augen treffen auf meine und ich habe sie noch nie so dunkel und hungrig gesehen. Mir läuft es heiß und kalt den Rücken hinunter, als ich das Begehren in seinem Blick sehe.
„Verdammt sexy.“ Jonas‘ Stimme ist rau, als er das sagt.
Ich sauge scharf Luft ein. Ist das, was ich da in der Luft zwischen uns spüre, tatsächlich das, für was ich es halte? Der pochende Schwanz in meiner Hose sagt ja. Lust und Begehren lodern so heftig, dass es ein Wunder ist, dass wir nicht bei lebendigem Leibe verbrennen.
„Soll ich lieber gehen?“, fragt Chris grinsend.
Die Wucht meiner Gefühle scheint mich auf einmal zu erdrücken und Panik setzt ein. Was, wenn ich so intensive Gefühle zulasse? Was macht das mit mir? Wie werde ich mit ihnen fertig und was wird am Ende von mir übrigbleiben?
Ich schüttele den Kopf und ziehe meine Hand von Jonas‘ Rücken. Der Moment ist verflogen, die Stimmung hat sich verändert. Einerseits bin ich erleichtert, denn scheinbar war ich doch noch nicht bereit. Andererseits könnte ich mir mit dem spitzen Absatz meines High Heels in den Hintern treten, weil ich diese Gelegenheit nicht genutzt habe.
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